Warum die Nachanalyse unersetzlich ist
Vereinsspieler stecken den größten Teil ihrer Übungszeit meist ins Spielen und nur wenig in die Analyse. Wer rasch besser wird, hält es umgekehrt. Die Nachanalyse erfüllt gleich mehrere Aufgaben, die sich nicht ersetzen lassen:
- Wendepunkte erkennen: In jeder Partie gibt es einen bestimmten Augenblick, in dem das Ergebnis gekippt ist. Ihn aufzuspüren, liefert strategisch wertvolle Hinweise
- Die eigenen Fehlermuster verstehen: Verlieren Sie immer wieder an derselben Stelle (beim Übergang aus der Eröffnung, beim Übergang ins Endspiel), haben Sie ein klar benanntes Übungsfeld
- Rechenfehler korrigieren: Sie glaubten, etwas gewinne, und es gewann nicht. Zu begreifen, warum, lehrt mehr als jede Übungsaufgabe
- Typische Stellungen einprägen: Stellungen aus eigenen Partien bleiben im Gedächtnis haften. Analyse festigt Muster viel dauerhafter als das Studium abstrakter Stellungen
Phase 1: die Analyse ohne Engine (30 bis 45 Minuten)
Diese Phase ist die wichtigste und wird am häufigsten ausgelassen. Der klassische Fehler: sofort Stockfish aufmachen und nachschauen, was er meint. Das Problem dabei: Sagt die Engine, der richtige Zug sei Sf5 gewesen, haben Sie gar nichts geleistet — Sie haben nicht versucht, den Zug selbst zu finden, also werden Sie ihn auch nicht gelernt haben.
Die Methode in 4 Schritten (ohne Engine)
- Die ganze Partie zügig nachspielen, um den roten Faden wiederzufinden. Noch keine Kommentare — nur den zeitlichen Ablauf im Kopf nachzeichnen.
- Zweifelsmomente herausfiltern: Züge, bei denen Sie sich während der Partie unsicher waren, Züge des Gegners, die Sie überrascht haben, Züge, die Sie bereuen. Markieren Sie diese Stellen.
- Jeden markierten Moment analysieren: Fragen Sie sich an jeder heiklen Stelle: „Was war hier der richtige Zug, und warum?“ Versuchen Sie die Antwort zu finden, bevor Sie die Engine zu Rate ziehen.
- Die Eröffnung bewerten: Bei welchem Zug ist Ihr Gegner von der bekannten Theorie abgewichen? War es Improvisation oder Vorbereitung?
Praktisches Hilfsmittel
Arbeiten Sie in dieser Phase an einem richtigen Schachbrett. Das Bewegen der Figuren spricht andere Hirnregionen an als die Arbeit am Bildschirm und hilft beim Einprägen. Halten Sie Ihre Varianten auf Papier fest, bevor Sie sie mit der Engine überprüfen.
Phase 2: der Abgleich mit der Engine (20 bis 30 Minuten)
Erst nach Ihrer eigenen Analyse öffnen Sie Stockfish (gratis auf Lichess.org) oder ChessBase. In dieser Phase geht es darum, Ihre Analysefehler zu berichtigen, nicht darum, das eigene Denken zu ersetzen.
So setzen Sie die Engine klug ein
Sehen Sie sich nicht jeden Zug an. Springen Sie direkt zu den Stellungen, die Sie in Phase 1 markiert haben. Prüfen Sie, ob Ihre Einschätzung stimmte. Empfiehlt die Engine einen anderen Zug als Ihren, versuchen Sie zu verstehen, warum er besser ist, bevor Sie weiterklicken.
Der Irrtum mit dem „Bewertungsbalken“: Viele Spieler starren auf den Balken und notieren bloß „hier stand ich gut, dort schlecht“. Diese Auskunft ist wertlos. Entscheidend ist, den Mechanismus des Fehlers zu durchschauen. Fragen Sie sich: „Was wollte dieser Zug erreichen? Welche konkrete Drohung steckt dahinter?“
Die 7 Fragen für jede kritische Stellung
1. Was war mein Plan?
Hatten Sie einen bewussten Plan? War er der richtige? Oder haben Sie Zug um Zug ohne Richtung gespielt?
2. Habe ich die Drohungen geprüft?
Haben Sie nachgesehen, was der Gegner tun konnte, ehe Sie Ihren Zug ausgeführt haben?
3. Wie sah die genaue Rechnung aus?
Wie viele Züge weit haben Sie gerechnet? Wo ist Ihre Rechnung abgebrochen, und warum?
4. Gab es einen Kandidatenzug, den ich übersehen habe?
Die Engine schlägt oft einen „kontraintuitiven“ Zug vor, den Sie gar nicht erwogen haben. Zu verstehen, warum Sie ihn ausgelassen haben, ist wertvoller als der Zug selbst.
- 5. Ist es ein wiederkehrender Fehler? — Haben Sie ihn schon in einer anderen Partie gemacht? Dann ist es ein Muster, an dem Sie gezielt arbeiten sollten
- 6. Welche Figuren waren inaktiv? — Oft nimmt ein Turm oder Springer 15 Züge lang an nichts teil. Warum? Wie hätte man ihn verbessern können?
- 7. Wann haben Sie mental „aufgegeben“? — Gab es in einer verlorenen Partie einen Zug, ab dem Sie die Niederlage innerlich akzeptiert und danach mechanisch weitergespielt haben? Dieser Moment sagt oft sehr viel aus.
Ein Partientagebuch führen: die Investition, die alles verändert
Profitrainer raten einhellig zu einem „Partientagebuch“ — einem Dokument (auf Papier oder digital), in dem Sie jede analysierte Partie festhalten. Ideal ist folgender Aufbau:
- Datum, Gegner (wenn möglich mit Elo), Ergebnis, Bedenkzeit
- Den „Wendepunkt“: der Zug oder die Entscheidung, die das Ergebnis gedreht hat
- Die Art des Fehlers: taktisch, positionell, planerisch oder psychologisch (Hast, mentales Aufgeben, Selbstüberschätzung)
- Die konkrete Lehre daraus: „Philidor-Stellung einprägen“, „..g5 nicht mehr spielen, ohne Sxg5 durchgerechnet zu haben“ und so weiter
Nach 50 so analysierten Partien kennen Sie Ihre wiederkehrenden Schwächen genau — eine Auskunft, die weder Buch noch Tutorial geben kann, weil sie sich auf Ihr Spiel bezieht.
Die Eröffnung gezielt analysieren
Der Eröffnungsanalyse sollten Sie besondere Aufmerksamkeit widmen. Vergleichen Sie nach jeder Partie in Ihrer Datenbank (lichess.org/opening liefert gratis Statistiken), ob die gespielten Züge der Theorie entsprechen, und vor allem, wo Ihr Gegner abgewichen ist. Hat Sie die Abweichung unangenehm überrascht, tut sich in Ihrem Repertoire eine „Lücke“ auf, die geschlossen werden will.
„Eine verlorene Partie zu analysieren, nützt fünfmal mehr, als eine gewonnene zu analysieren. Aus Siegen lernt man, dass man gut gespielt hat. Aus Niederlagen lernt man, warum man schlecht gespielt hat.“ — Analyseprinzip der sowjetischen Trainer