Ein Altersrekord, der seit 2002 Bestand hatte
Sergei Karjakin kam am 12. Januar 1990 in Simferopol auf der Krim (damals Ukraine) zur Welt. Mit 5 Jahren lernte er Schach und machte so rasche Fortschritte, dass seine ukrainischen Trainer staunten. Im August 2002 erhielt er mit 12 Jahren und 7 Monaten den Titel Internationaler Großmeister und unterbot damit den bisherigen Rekord von Bu Xiangzhi. Dieser Rekord hielt bis 2021, als Abhimanyu Mishra ihn auf 12 Jahre, 4 Monate und 25 Tage senkte — Alireza Firouzja, ebenfalls ein Wunderkind, bekam seinen Titel mit 14.
Dass dieser Rekord fast 19 Jahre lang hielt, zeugt von Karjakins außergewöhnlicher Frühreife. Es ging nicht nur um Talent: Schon als Jugendlicher verfügte er über schachliche Reife, Stellungsverständnis und Verteidigungszähigkeit, wie man sie sonst von einem Spieler mit 25 Jahren Erfahrung erwartet.
Der Karjakin-Stil: die lebende Festung
In einer Welt voller Angreifer und Kombinationsspieler gründete Karjakin seinen Ruf auf eine seltene und gefürchtete Spezialität: die absolute Verteidigung. In Profikreisen nennt man ihn „den Verteidigungsminister“ — eine Anspielung auf seine fast übernatürliche Gabe, verlorene Stellungen stundenlang zu halten und Remis in Stellungen zu finden, die die Engines mit -2 oder -3 für ihn bewerten.
Diese Verteidigungskunst ist nicht passiv. Sie beruht auf einer äußerst genauen Kenntnis theoretischer Endspiele und Festungsstellungen, auf außergewöhnlicher psychischer Widerstandskraft und auf taktischem Geschick, das ihm Gegenspiel verschafft, wo andere längst aufgegeben hätten.
Seine Paradepartie: WM-Kampf 2016, Partie 8
Im WM-Kampf gegen Carlsen in New York spielt Karjakin Partie 8 mit Schwarz. Carlsen, ungeduldig, eine Serie von Remisen zu durchbrechen, treibt das Spiel in einer ausgeglichenen Stellung voran und geht übertriebene Risiken ein. Karjakin verteidigt genau, bestraft diese Überspitzung und geht zum ersten Mal im Wettkampf in Führung. Dieser Sieg gegen den Weltmeister bleibt eine seiner größten Leistungen.
Der WM-Kampf 2016 gegen Carlsen
Der Weg zum WM-Kampf 2016 führt über einen Sieg beim Kandidatenturnier in Moskau 2016, wo Karjakin einen Punkt vor Caruana und Anand ins Ziel kommt. Der Wettkampf findet im November 2016 in New York statt, vor dem Hintergrund einer angespannten geopolitischen Lage zwischen Russland und dem Westen — ein Umfeld, das nach Ansicht mancher zusätzlichen symbolischen Druck erzeugte.
Der Wettkampf ist eng. Carlsen dominiert viele Partien positionell, doch Karjakin hält stand. Er gewinnt Partie 8, indem er Carlsens Risiken bestraft; Carlsen gleicht in Partie 10 aus. Nach 12 Partien steht es 6:6. Im Schnellschach-Tiebreak, in dem er sich wohler fühlt, setzt sich Carlsen mit 3:1 durch (zwei Siege, zwei Remis) und behält seinen Titel. Karjakin unterliegt mit Ehren: Er war nahe daran, Weltmeister zu werden.
Der Verbandswechsel und die Spannungen
2009 entscheidet sich Karjakin, den ukrainischen Verband zu verlassen und für Russland anzutreten. Diese Entscheidung, als persönlich und sportlich dargestellt, wird vielfach vor dem Hintergrund der regionalen Politik gedeutet. Sie sorgt für Spannungen mit der ukrainischen Schachwelt, doch Karjakin setzt seine Laufbahn fort, ohne sich öffentlich davon beeindrucken zu lassen.
2022 bekundet Karjakin nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine in den sozialen Netzwerken öffentlich seine Unterstützung für die russischen Militäraktionen. Die FIDE verhängt eine sechsmonatige Sperre, die ihn das Kandidatenturnier 2022 kostet. Diese Entscheidung löst in der Schachwelt eine beispiellose Debatte aus: Wie weit dürfen politische Haltungen eines Spielers sportliche Sanktionen nach sich ziehen?
„Meine Position ist, dass Sportler über der Politik stehen sollten. Aber wenn die Politik in die Kabine kommt, ändern sich die Regeln für alle.“ — Ein in der Debatte von 2022 häufig vorgebrachtes Argument
Das Vermächtnis: Was bleibt von Karjakin?
Abseits der Kontroversen ist Karjakins technisches Vermächtnis unbestritten. Für Vereinsspieler enthalten seine Partien einige der wertvollsten Verteidigungslehren der modernen Schachliteratur:
- Eine schlechte Stellung ist keine verlorene Stellung: Karjakin hat Partien gerettet, die die Engines mit -3 bewerteten — eine Erinnerung daran, dass sich praktischer Widerstand immer lohnt
- Theoretische Festungen kennen: Manche Endspiele Turm gegen Bauer oder Dame gegen Turm plus Bauer sind bei korrektem Spiel remis — er kennt sie alle
- Die Psychologie des Angreifers: Gegen eine solide Verteidigung neigt der Angreifer dazu, zu überziehen und Fehler zu provozieren. Karjakin macht sich diese Neigung besser zunutze als jeder andere
- Wissen, wann man zum Gegenangriff übergeht: Seine Verteidigung ist nie passiv — er wartet auf den genauen Augenblick, um das Blatt zu wenden